Melatonin zum Einschlafen: Wie wirkt die Einschlafhilfe?

Redaktion
Kevin Schuon

Melatonin ist ein körpereigenes Hormon, das den Schlaf-Wach-Rhythmus steuert und dem Organismus signalisiert, wann es Zeit zum Schlafen ist. Doch wie genau wirkt Melatonin im Körper? Und können Präparate mit dem sogenannten Schlafhormon tatsächlich zu einem tiefen und erholsamen Schlaf beitragen?

Was ist Melatonin und wie wirkt es?

Laut einer Erhebung des Robert Koch-Instituts leidet rund ein Drittel der erwachsenen Deutschen unter schlechtem Schlaf. Produkte mit dem so genannten „Schlafhormon“ Melatonin versprechen hier schnelle Hilfe. 

Deshalb ist es für Experten wie Dr. Matthias Berger, Ärztlicher Leiter des Kompetenzzentrums für Schlafmedizin am Städtischen Klinikum Karlsruhe, auch keine Überraschung, dass sich Produkte mit Melatonin so gut verkaufen. „Wir sind eine Gesellschaft der Schlaflosen“, sagt er.

Wer regelmäßig schlecht schläft und ständig müde ist, weiß, wie zermürbend das sein kann. „Das macht den Reiz dieser Produkte aus“, sagt der Experte. „Es wird eine einfache Lösung für das sehr komplexe Thema Schlaf suggeriert. Die Präparate sind leicht zugänglich und relativ kostengünstig.“

Schlafforschende und Mediziner wie Dr. Matthias Berger zweifeln allerdings stark daran, dass diese Melatonin-Produkte wirklich als Einschlafhilfe funktionieren. Melatonin ist ein körpereigenes Hormon, das in der Zirbeldrüse im Gehirn gebildet wird. Es sorgt dafür, dass die Körpertemperatur sinkt und der Energieverbrauch gedrosselt wird. Also dafür, dass wir müde werden. Das Hormon wird stark ausgeschüttet, wenn es dunkel wird.

Am Tag produziert der Körper bis zu zwölfmal weniger Melatonin als in der Nacht. Sobald das Auge mit Licht in Berührung kommt, wird die Produktion heruntergefahren. Melatonin als Schlafhormon zu bezeichnen, ist deshalb nicht ganz richtig. Es steuert viel mehr den Tag-Nacht-Rhythmus eines Menschen.

Der Gegenspieler von Melatonin ist das Hormon Cortisol. Das wird tagsüber ausgeschüttet und hält uns aufmerksam und wach. Deshalb wird es auch „Stresshormon“ genannt.

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Hilft Melatonin beim Einschlafen?

Dr. Matthias Berger erklärt die Wirkung von Melatonin mit einem Extrembeispiel: Der Körper eines vollblinden Menschen hat kein Lichtempfinden. Deshalb weiß der Körper nicht, wann er welches Hormon produzieren soll. Der Tag-Nach-Rhythmus ist gestört. „Bei solchen Menschen verwenden wir Medikamente mit Melatonin, um den Rhythmus zu steuern.“

Seit 2007 ist Melatonin zwar als Arzneimittel zur Behandlung von Schlafstörungen zugelassen. In der Praxis werden sie laut dem Experten jedoch äußerst selten verwendet. Denn wie viel Melatonin ein Mensch braucht, ist sehr individuell. Deshalb sei Melatonin zur Behandlung von akuten Schlafstörungen im Vergleich zu anderen Medikamenten wenig effektiv.

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Melatonin als Medikament oder Nahrungsergänzungsmittel

Die Produkte aus der Werbung sind nämlich keine echten Medikamente. Diverse Produkte von Sprays bis Gummibärchen laufen als Nahrungsergänzungsmittel. Deshalb können sie in der Apotheke oder Drogerie auch ohne Rezept gekauft werden. Dafür darf die Dosis pro Tablette oder Spraystoß nicht höher sein als 1 Milligramm Melatonin.

 „Die Wahrscheinlichkeit, dass eine so geringe Dosis wirklich eine Wirkung entfaltet, ist eigentlich kaum möglich“, erklärt der Experte. „Auch wissenschaftliche Untersuchungen zeigen, dass diese Mittelchen keine Wirkung erzielen.“ Gleichzeitig betont er: „Ich möchte jedoch niemandem seine Erfolgserlebnisse absprechen.“ Das lässt sich meist mit dem Placebo-Effekt erklären.

Melatonin: Nebenwirkungen und Risiken

Da der Körper Melatonin sehr schnell abbaut und die Dosierung in den freiverkäuflichen Produkten sehr niederig ist, ist die Gefahr einer Überdosierung gering. Auch abgesehen davon, seien diese Nahrungsergänzungsmittel relativ unbedenklich, so der Experte. Sie können nicht süchtig oder abhängig machen.

Für den Einsatz von Melatonin bei Kindern und Jugendlichen gibt es eine aktuelle Leitlinie der Deutschen Gesellschaft für Schlafforschung und Schlafmedizin (DGSM). Demnach sollten zunächst mögliche Ursachen der Schlafprobleme abgeklärt und Schlafhygiene sowie verhaltenstherapeutische Maßnahmen ausgeschöpft werden. Melatonin kommt nur bei medizinischer Indikation und unter ärztlicher Begleitung infrage. Frei verkäufliche Präparate sollten Eltern ihren Kindern nicht eigenmächtig geben.

Auch wenn melatoninhaltige Präparate nicht süchtig oder abhängig machen, können sie Nebenwirkungen haben. Das gilt insbesondere für Menschen, die mehrmals pro Nacht Melatonin einnehmen.

Zu den bekannten Nebenwirkungen zählen:

  • Übelkeit und Kopfschmerzen

  • Verdauungsstörungen

  • Hautausschlag

  • Verringertes Sexualbedürfnis

  • Emotionsschwankungen

  • Bei Männern: Verschlechterung der Samenqualität

  • Bei falscher Anwendung: Störung des Schlaf-Wach-Rhythmus

Melatonin bei Jetlag, Schichtarbeit und Wechseljahren

Wobei diese Melatonin-Produkte jedoch helfen können, ist den Schlaf-Wach-Rhythmus in Ordnung zu bringen: zum Beispiel bei Schichtarbeit oder Jetlag.

In Deutschland arbeiten rund sechs Millionen Angestellte im Schichtbetrieb. Viele davon sind im Handwerk tätig, wie zum Beispiel in Bäckereien oder der Metallverarbeitung. Wer nachts arbeitet, bringt seinen Tag-Nacht-Rhythmus durcheinander. Deshalb leiden viele Menschen, die in Schichten arbeiten, an Schlafstörungen. Diese können häufig tatsächlich mit einem niedrigen Melatonin-Spiegel zusammenhängen und somit durch die Einnahme von Medikamenten oder Nahrungsergänzungsmitteln ausgeglichen werden.

Auch in den Wechseljahren gehören Schlafstörungen neben Hitzewallungen und Stimmungsschwankungen zu den häufigsten Begleiterscheinungen. Das hängt mit der hormonellen Veränderung zusammen. Hier kann Melatonin ebenfalls hilfreich sein.

Allerdings gibt der Experte zu bedenken: „Meist liegen die Ursachen der Schlafstörungen jedoch woanders.“ Deshalb sei es wichtig, diesen Problemen auf den Grund zu gehen.

Schlafprobleme ohne Melatonin verbessern

Die Produktion von Melatonin kann im Körper auch auf natürliche Weise angeregt werden. Wichtig dafür sind eine gute Schlafhygiene und eine ausgewogene Ernährung.

  • Ausreichend lange schlafen: Der Experte rät zu mindestens sieben Stunden Schlaf pro Nacht.

  • Künstliche Lichtquellen im Schlafzimmer vermeiden: Dazu gehören auch TV-Geräte oder Smartphones.

  • Das Schlafzimmer möglichst vollständig abdunkeln.

  • Auf koffeinhaltige oder alkoholische Getränke verzichten.

  • Eine regelmäßige Schlafroutine einhalten.

  • Es gibt Lebensmittel, die Melatonin enthalten, jedoch nur in äußerst geringer Dosis. Dazu gehören beispielsweise Pistazien, Cranberrys oder Kirschen.

  • Wer viel Gemüse isst, schläft besser. Zucker hat dagegen eine schädliche Wirkung auf das Einschlafen.

FAQ

Wie schnell wirkt Melatonin?

Die Wirkung setzt meist nach ein bis zwei Stunden ein. Der genaue Zeitpunkt hängt vom Präparat, der Dosierung und dem individuellen Stoffwechsel ab.

Kann man Melatonin jeden Abend nehmen?

Von einer dauerhaften Einnahme ohne ärztliche Rücksprache ist abzuraten. Die möglichen Folgen einer Langzeitanwendung sind noch nicht ausreichend untersucht.

Macht Melatonin abhängig?

Eine körperliche Abhängigkeit wie bei manchen Schlafmitteln ist nicht bekannt. Es kann jedoch eine psychische Gewöhnung entstehen.

Kann Melatonin am nächsten Morgen müde machen?

Ja. Mögliche Folgen sind Müdigkeit, Benommenheit und eine langsamere Reaktionsfähigkeit. Betroffene sollten nicht Auto fahren oder Maschinen bedienen.

Ist Melatonin für Kinder geeignet?

Kinder und Jugendliche sollten Melatonin, wenn überhaupt, nur nach ärztlicher Rücksprache einnehmen. Mögliche Langzeitwirkungen auf die Entwicklung sind noch nicht ausreichend erforscht.

Kann Melatonin Wechselwirkungen mit Medikamenten haben?

Ja, etwa mit Antidepressiva, Blutdrucksenkern, Gerinnungshemmern sowie Beruhigungs- und Schlafmitteln. Wer Medikamente einnimmt, sollte die Einnahme vorher ärztlich oder in der Apotheke abklären.

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Kevin Schuon

Veröffentlicht am 17.08.2026

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